Saoserje

Unglaubliches Engagement in russischer Wirklichkeit

Vorstand des bpa Schleswig-Holstein besucht ein Pflegeheim am nördlichen Polarkreis

„Wenn man dorthin kommt, sieht man vor lauter Mangel keinen Anfang und kein Ende. Die Frage, die man sich sofort stellt, ist, wo eine sinnvolle Hilfe überhaupt ansetzen kann.“ So beschreibt Adolf Popall, Landesbeauftragter des bpa in Schleswig-Holstein rückblickend seinen ersten Eindruck von der Situation des Alten- und Pflegeheims „Dom Internat“ in Saoserje.

Zusammen mit den drei Landesgruppen-Vorstandsmitgliedern und Krankenschwestern Ursel Heims, Christine Jost und Christa Steinhauer begab sich Popall Ende Juli auf die Reise in dieses kleine Dorf in der in der Nähe der Stadt Mesen, mehr als 500 km nördlich von Archangelsk. Hier vermittelten sie 15 russischen Pflegerinnen eine Woche lang praktische Anleitungen und grundlegendes Wissen für einen optimierten Arbeitsalltag.

Die Unternehmung war keine spontane Hilfsaktion, sondern vielmehr das wichtigste Element eines lange geplanten, dreigliedrigen Konzeptes zur Heranführung der dortigen Helferinnen an westliche Pflegestandards. Vorausgegangen war eine Hospitanz der Gründerin und Geschäftsführerin des Hauses, Tatjana Korotajewa, im Frühjahr diesen Jahres: In mehreren stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen des bpa in Schleswig-Holstein hatte Frau Korotajewa Einblicke in die Situation deutscher Pflegebedürftiger, die organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Grundlagen sowie das Qualitätswesen gewonnen. Nach diesem Praktikum der Heimleiterin in Deutschland war als zweite Phase des Konzeptes der Gegenbesuch von deutschen Pflege-Experten in Saoserje vorgesehen. Als dritte Stufe des Projektes sieht der Plan die fallorientierte und zeitnahe Hilfe per Telefon und E-Mail vor.

Die Initiative wurde aus den Kontakten des „Fördervereins für soziale Arbeit in Osteuropa“ zur Fachhochschule Kiel geboren. Letztere pflegt im Fachbereich Sozialwissenschaft seit rund 10 Jahren eine enge Partnerschaft mit der Universität Archangelsk, die nach dem Zerfall der Sowjetunion dort ebenfalls einen entsprechenden Lehrstuhl eingerichtet hatte.

Im neuen Russland die Initiative ergriffen.


Die Anreise per Flug nach Archangelsk und die Weiterfahrt per Bus in das entlegene Dorf Saoserje, Teil der „vergessenen Regionen“ im neuen Russland, verlief reibungslos. Auch bürokratische Hindernisse stellten sich dem Projekt nicht in den Weg: „In Mesen hat ein offener und reform-orientierter Mann das Sagen, der weiß, dass es mit dem riesigen und ländlich verarmten Russland nur durch Maßnahmen im Kleinen und möglichst vor Ort voran gehen kann. Ebenso setzt er, wie wir, ganz auf den privaten und privatwirtschaftlichen Einsatz. Dies läuft zwar den Interessen des Verantwortlichen der Regionshauptstadt Archangelsk zuwider, der das bescheidene Sozialwesen weitgehend zentralisieren möchte. Glücklicherweise haben wir aber von Anfang auf die richtigen Gesprächspartner gesetzt“, fasst Popall die Organisation der Unternehmung zusammen.

Die Gruppe wurde von ihren Gastfamilien, bei denen die Reisenden eine Unterkunft fanden, ebenso herzlich empfangen wie von den Kolleginnen des Pflegeheimes. Skepsis oder Ressentiments gegenüber den Schleswig-Holsteinern gab es nicht. „Im Gegenteil“, so Popall: „Die Kräfte, die dort für 1.000 Rubel Monatslohn – dies entspricht 35 Euro – arbeiten, hatten unseren Besuch ‚sehnsüchtig erwartet‘ und empfanden unseren Rat als ‚Aufwertung ihrer Person und Arbeit‘, teilte uns unsere allgegenwärtige Übersetzerin mit.“

Beim „Dom Internat“ („Pflegeheim“) in Saoserje handelt es sich um eine vollkommen auf privatem Engagement basierende Neugründung. Erst im Februar 2004 wurde es nach gut eineinhalb Jahren Bauzeit eröffnet. Wie man sich die räumlichen Gegebenheiten und deren Ausstattung vorzustellen hat, erläutert Popall gegenüber dem bpa Magazin höchst lebendig: „Der ehemalige Kindergarten, ein 100 Jahre alter, nahezu verfallener Schuppen, wurde auf Anregung von Tatjana Korotajewa, die vorher Lehrerin im Dorf war, abgerissen. Alle Balken des Fachwerks katalogisiert. Dann wurden alle Teile an geeigneter Stelle wieder aufgebaut und um die nötigen Materialien ergänzt.“ Entstanden ist daraus ein Areal mit Heizwerk, Garten und einem kleinen Schwitzbad. (Das Schwitzen ist in diesen Breiten die bevorzugte Art der Körperpflege und im Winter bei bis zu -30 °C auch die angenehmste.) Das Heim selbst besteht aus einer Küche, einem Gemeinschaftsraum und mehreren Mehrbettzimmer zur Unterbringung von 17 Senioren.

Auch einfache Hilfe ist wirksame Hilfe


Auf die Frage, wo im Vergleich zur deutschen Pflege in Saoserje die größten Abstriche zu machen seien, antwortet Adolf Popall: „Überall, denn dem Heim fehlt jegliche für die Pflege geeignete Ausstattung! Es gibt weder Pflegebetten noch fließend Wasser – von Medikamenten und ärztlicher Betreuung ganz zu schweigen.“ Vor Ort arbeite lediglich eine einzige speziell qualifizierte Pflegeleiterin, die unter der kuriosen landesüblichen Berufsbezeichnung „Fälscherin“ auch medizinische Kenntnisse und Fähigkeiten einbringen könne. Die Bewohner selbst schliefen in starren Eisenbetten und besäßen oft kaum mehr, als sie am Leibe tragen. „Schon ein zusätzlicher Satz Unterwäsche oder Bettzeug ist hier so etwas wie Luxus“, stellt er fest.

Entsprechend grundlegend fiel auch die Weitergabe von Fachwissen der deutschen Besucher aus: „Was die Frauen dort praktizieren, ist Laienpflege. Sie aber ist zugleich die einzige Chance, überhaupt etwas für die Verbesserung der Lebensumstände alter Leute zu tun. Der Einsatz und die Herzlichkeit im Umgang mit den Bewohnern ist sehr beeindruckend. Was wir praktisch beisteuern konnten, waren elementare und körperschonende Handgriffe der Grundpflege wie das Umbetten und Umlagern sowie eine praktikable Aufwertung der Prophylaxe – und hier im Besonderen der persönlichen Hygiene. Allgemeine theoretische Kenntnisse wurden anhand einer gemeinsam erarbeiteten Fragenliste weitergegeben. Als Zusatzblock haben wir dann noch die sozialen, psychologischen und gesellschaftlichen Aspekte der Altenbetreuung eingeschoben“, kommentiert Popall die Inhalte des Besuchs. Aber es gibt am fernen Polarkreis auch durchaus Dinge, von der die moderne deutsche Pflege lernen kann: In Ermangelung von Ärzten und Apotheken gehört dort zum Beispiel die Kräuterheilkunde sowie die Stärkung der Alten mit Frucht- und Beerensäften zum gängigen medizinischen Repertoire.

Die Zukunft des Projektes


Wie der dritte Teil des Kooperations-Planes, die Fernschulung, realisiert werden soll, darüber macht sich der bpa-Landesbeauftragte momentan noch Gedanken: „Das Dorf Saoserje hat keine eigene Telefon-Anlage und im Heim steht kein PC. An einen schnellen schriftlichen Austausch per E-Mail oder akute Hilfestellung per Anruf ist also momentan nicht zu denken.“ Nicht zuletzt zur mittelfristigen Bereitstellung dieser Kommunikationsmittel wurde ein Spendenkonto für Saoserje eingerichtet. Man habe einen umfangreichen „Einkaufszettel“ angelegt, auf dem Computer und Telefonanschluss mit Abstand den teuersten Posten markieren. Dem Heim könne aber auch mit kleineren Beträgen und überaus einfachen Anschaffungen schon wirkungsvoll geholfen werden, so Popall. Als Beispiel nennt er verschließbare Schränkchen, in denen die Heimbewohner ihre persönlichen Gegenstände aufbewahren können: „Die Kästen für diese Möbel sind vorhanden oder können ohne Probleme vor Ort gezimmert werden, ebenso die Türen. Was aber fehlt sind die Beschläge – also Scharniere und Schlösser.“

Da es vor allem an vergleichsweise simplen Dingen mangelt, verschiebt sich auch der wirtschaftliche Maßstab für den laufenden Betrieb. Mit einer zusätzlichen Finanzhilfe von 10.000 Euro könne das Altenheim in Saoserje rund fünf Jahre „gut arbeiten“. Ebenso wirkungsvoll wie eine Geldspende sei aber auch die Unterstützung mit Hilfspaketen: Wer Unterzeug, Bettwäsche oder ein Paar Hausschuhe verschicke und vielleicht noch eine andere Kleinigkeit beilege, könne bereits Wesentliches zur Verbesserung der Situation und Freude der Heimbewohner beitragen. Das Büro der bpa-Landesgruppe hält für alle Hilfswilligen die Adresse des Pflegeheimes bereit. Um den Versand so unkompliziert und zügig wie möglich zu gestalten, sind hier ebenfalls bereits vorbereitete, mehrsprachige Zollaufkleber abrufbar.

Der Besuch hinterließ bei allen Teilnehmern unvergessliche Eindrücke. Popall: „Es klingt unglaublich, aber wir waren die ersten Ausländer, die jemals das Dorf betreten haben. Umso beeindruckender war die Gastfreundlichkeit der Menschen.“ Hierzu gehörte auch, dass die deutschen Besucher am Ende ihres Aufenthaltes von den Einwohnern Saoserjes an den Dorfrand gebracht wurden, wo der Bus wartete: Dies ist eine in der Region übliche Form des Abschiednehmens von weitgereisten Gästen.


Tel.: (04 31) 7 80 17 62

Fax: (04 31) 7 80 17 63

E-Mail: Schleswig-Holstein@bpa.de


Verantwortlich für die Veröffentlichung: Adolf Popall, bpa – Landesbeauftragter Schleswig-Holstein

Treffen im Winter 2006/2007
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Wohlf?hl-Treffen
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