Kinderschutz Severodvinsk
Projektarbeit des Kinderschutzbundes in Archangelsk/Sewerodwinsk
Mit dem Kooperationsprojekt des Kinderschutzbundes Kreisverband Ostholstein und der NGO „Helfen wir den Kindern“ in Severodvinsk wurde im Mai 2004 mit der Realisierungsphase begonnen, nachdem vier russische pädagogische Fachkräfte (Psychologin, Diakon, Sozialpädagogin) über den Verein „Helfen wir den Kindern“ eingestellt wurden.
Die Personalkosten werden über den DKSB von der „Aktion Mensch“ finanziert.
Aufgabe des Projektes ist es, die Jungen/männlichen Jugendlichen, die in der geschlossenen Einrichtung, in Njandoma, ca. 450 km entfernt von Severodvinsk durch Gerichtsbeschluss sein müssen, in ihr häusliches Umfeld durch fachliche Begleitung sozialpädagogischer Familienhilfe zu reintegrieren und den weiteren Integrationsprozess kontinuierlich zu begleiten. Die Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie im vertrauten häuslichen Umfeld des jeweiligen Jungen soll wieder zu einer verlässlichen Beziehung wachsen. Bereits während der Unterbringung soll die Zusammenarbeit zwischen der Familie und der Einrichtung mit dem Kind aktiv unterstützt werden. Zwischen dem ursprünglichen Lebensraum und dem Ort der geschlossenen Unterbringung liegt eine Distanz von ca. 450 km die nicht leicht überwunden werden kann.
Die Ursache für eine von der „Kommission für die Angelegenheit des Kindes“ verfügte geschlossene Unterbringung liegt in der Regel im delinquenten Verhalten der Jugendlichen im Alter zwischen 9 und 16 Jahren. Die Verweildauer in der Einrichtung beträgt zwischen ein bis drei Jahren. Dadurch, dass die Jungen, die in der Regel auch sozial auffällig waren und in der Einrichtung eher durch disziplinarische Maßnahmen mit autokratischen Führungsstil betreut werden, ist in der Regel nicht mit einer problemlosen Unterbringung und anschließender Reintegration nach der Rückkehr in das ursprüngliche Lebensumfeld zu rechnen. Die Rückfallquote ist deshalb besonders hoch. Bis zu 70 % der Jungen werden wieder straffällig und rotieren dann durch verschiedene sich anschließende Maßnahmen.
Um den Teufelskreis zu durchbrechen, zielt das Projekt zum einen darauf ab, die Pädagogik in der Einrichtung zu hinterfragen und durch Fortbildungsmaßnahmen zu einer eher sozialintegrativen Pädagogik zu gelangen, sowie mit den Elternhäusern parallel Kontakt aufzunehmen und die Beziehung zwischen Elternhaus und Einrichtung zu pflegen. Die Maßnahme an sich ist die Einführung und kontinuierliche systematische und systemische Beteiligung aller Personen und Institutionen. In diesem Kontext ist die Sozialpädagogische Familienhilfe/Flexible Betreuung als methodischer Ansatz relevant.
Durch Hospitationen im Kinderschutzbund, Kreisverband Ostholstein e. V., sowie durch zwei Fortbildungsveranstaltungen in Archangelsk und Severodvinsk wurde von verschiedenen Perspektiven eine entsprechende Konzeption und der methodische Ansatz vorgestellt und vertieft. Die direkte Tätigkeit zwischen den Personen und Institutionen muss durch das Fachpersonal vor Ort erbracht werden.
Der Part des Kinderschutzbundes ist die fachliche Begleitung des Projektes, die Bereitstellung der Finanzen (Personal- und Sachkosten durch die Aktion Mensch und durch Eigenmittel) sowie durch fachliche Begleitung vor Ort sowie Hospitationen in Deutschland.
Die NGO „Helfen wir den Kindern“ ist eng angegliedert in Zusammenarbeit mit dem „Warmen Haus“ in Severodvinsk, einer sozialtherapeutischen Einrichtung und Schutzstelle der öffentlichen Jugendhilfe, mit der das Projekt ohnehin von den Zuständigkeiten her eng verkoppelt ist.
Durch eine Fachtagung Ende Oktober 2004, durchgeführt in Zusammenarbeit mit der NGO in Sewerodwinsk und in Zusammenarbeit mit dem „Warmen Haus“, haben wir als Ziel die Akzeptanz des Projektes, insbesondere bei der zuständigen Kommission für die Belange der Kinder, erreicht. Nicht ohne weiteres konnte die Projektarbeit einfach beginnen, denn die Akzeptanz und Zustimmung der Behörden und bestellten Personen mussten wir erst erlangen. Dieses ist uns durch fachliche Gespräche, gegenseitigen Erfahrungsaustausch, Partizipation, Aufklärung und Darstellung des Projektes im Gesamtkontext mit allen beteiligten Institutionen gelungen.
Es gilt nun in der Realisierungsphase, das Projekt zum Laufen zu bringen und die Kontakte zwischen den beteiligten Institutionen und Personen zu vertiefen. Eine nächste Zwischenauswertung wird Mitte des Jahres 2005 erfolgen.
Eine wissenschaftliche Begleitung und Auswertung wollen wir durch die Universität Archangelsk, der Fakultät für Sozialwesen, Außenstelle Severodvinsk, installieren.
Hierzu hat es bislang einige vielversprechende Kontakte gegeben.
Die ersten Rückmeldungen über den Verlauf des Projektes scheinen außerordentlich positiv zu sein. Insbesondere durch die Bereitstellung eines Projektfahrzeuges ist es möglich, Eltern und Kinder regelmäßig zueinander zu bringen und die Kontakte intensiver als zuvor möglich zu pflegen. Auch die Einrichtung selbst in Njandoma wird durch die Arbeit im fachlichen Kontext aufgewertet. Wir erwarten nun weitere Erfahrungen aller Beteiligten und hoffen, dass es insbesondere zwischen dem „Warmen Haus“ als öffentliche Einrichtung, der NGO „Helfen wir den Kindern“ und der Kommission für die Belange der Kinder sowie mit der Schule in Njandoma zu einer tragfähigen Kooperation kommt. Davon werden ebenso die Eltern und nicht zuletzt die Jugendlichen selbst profitieren. Als Kinderschutzbund sehen wir dieses Projekt als modellhaft an, weil sowohl die Familie als auch die Kinder selbst, die häufig Opfer von Gewalt und Vernachlässigung geworden sind, im Mittelpunkt stehen.
Wir hoffen, dass die Hilfe umfassend genug sein wird und in den einzelnen Fällen nicht zu spät wirksam wird.
Die Erwartungen der deutschen Seite sollten nicht überzogen sein, denn die russischen Verhältnisse und die soziokulturellen Unterschiede machen sich in jeder Hinsicht bemerkbar und führen bei pauschalen und zu hohen Erwartungen eher zu Enttäuschungen.
Andererseits sind wir überzeugt davon, dass die russische Seite ihren Weg findet und unsere Kooperationspartner aus dem Erfahrungs- und Wissenstransfer die Komponenten des „Best Practice“ anwendet.
Der bisherige Verlauf der Kooperation lässt daraus schließen, dass das Projekt einen insgesamt positiven Verlauf nimmt.
Neustadt im März 2005
Bernd Heinemann